Bibel

 

1. Die Bibel – eine Bibliothek
1.1 Ta biblia: Das Buch heisst „die Bücher“

1.2 Eine Bibliothek mit zwei Abteilungen
1.3 Eine Bibliothek, bunt wie ein Regenbogen
1.4 Der Bibliotheksführer: Menschen und ihre Geschichte mit Gott

2. Wie entstand die Bibel?
2.1 Aus Erfahrung gewachsen, nicht vom Himmel gefallen

2.2 Immer auf der Seite der Kleinen
2.3 Altes Testament – Vom Lagerfeuer zum Dokument in 600 Jahren
2.4 Neues Testament – „Jesus lebt“ als Energiebombe

3. Überblick über die Bücher der Bibel
3.1 Das Alte Testament – Alle machen’s anders…

3.2 Das Neue Testament – Kleiner und übersichtlicher
3.3 Die Apokryphen

4. Ist die Bibel wahr?
4.1 „Historische“ Wahrheit und die „Glaubens-“Wahrheit

4.2 Wieso-wann-wer-wem – Wahrheit
4.3 Die tiefere Dimension von Wahrheit
4.4 Die Wahrheit liegt im Dialog

5. Bibel-Links

 


1. Die Bibel – eine Bibliothek

 

1.1 Ta biblia: Das Buch heisst „die Bücher“

Das Wort Bibel kommt ursprünglich aus dem Griechischen: „ta biblia“ und bedeutet „die Bücher“! Irreführend? – Nein, erhellend! Denn auch wenn Sie „die Bibel“ als ein einziges riesiges Buch kaufen können, ist die Bibel eigentlich eine volle Bibliothek. In einer Bibliothek finden Sie Bücher von verschiedenen Autorinnen und Autoren, und Bücher aus den unterschiedlichsten Zeiten, und Bücher mit den unterschiedlichsten Zielen: Krimis, Kochbücher, Comics, Liedbücher, Gesetze, Fantasy-Romane usw. Das macht das Stöbern in einer Bibliothek oder in einem Buchladen ja so spannend. Mit der Bibel ist es ähnlich: Die verschiedenen Bücher der Bibel entstanden innerhalb von mehr als 800 Jahren von den unterschiedlichsten Autoren. Dass wir diese Bibliothek trotzdem einfach „das Buch“ (die Bibel) nennen, hat vielleicht damit zu tun, dass diese Bibliothek als Ganzes unseren Glauben und unsere Kultur bestimmt – bis heute.


1.2 Eine Bibliothek mit zwei Abteilungen

Die christliche Bibel als Bibliothek hat zwei grosse Abteilungen: Das hebräische „Alte“ Testament und das „Neue“ Testament. Die Juden beziehen sich ausschliesslich auf ihre hebräische Bibel, das „Alte“ Testament (AT). Für Christinnen und Christen kommt das „Neue“ Testament (NT) dazu. Aber die jüdische Bibel – das AT – bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Bibel. Ohne AT gibt es kein NT, ohne das Judentum kein Christentum! Deshalb wäre es eigentlich korrekter, vom „Ersten“ und vom „Zweiten“ Testament zu reden.


1.3 Eine Bibliothek, bunt wie ein Regenbogen

Die Bibel beinhaltet Bücher aus verschiedenen Jahrhunderten, von verschiedenen AutorInnen und von ganz unterschiedlicher Art. Da gibt es zum Beispiel:

  • geschichtlich ausgerichtete Bücher (z.B. Bücher der Chronik)
  • Gebetsbücher (z.B. Buch der Psalmen)
  • Briefe (alle Briefe von Paulus an Gemeinden wie z.B. Römerbrief)
  • erotische Gedichte (Hohelied).
  • Kriegsberichte (z.B. in den Büchern der Könige) neben Friedensvisionen (z.B. bei Jesaja)
  • Weisheitssprüche (z.B. Buch der Sprichwörter)
  • Berichte über das Leben von Jesus von Nazareth (Evangelien).

Alles in Allem: eine kunterbunte Mischung von Literatur.


1.4 Der Bibliotheksführer: Menschen und ihre Geschichte mit Gott

Bei allen Unterschieden ist den Büchern dieser Bibliothek jedoch eines gemeinsam: sie erzählen von Menschen, die ihre Geschichte und die Welt nicht als grossen Zufall betrachteten. Alles, was ihnen in ihrem Leben widerfuhr – Glück und Leid – brachten sie irgendwie mit dem letzten Grund ihres Lebens in Beziehung – mit Gott.


2. Wie entstand die Bibel?

 

2.1 Aus Erfahrung gewachsen, nicht vom Himmel gefallen

Die Bibel erzählt davon, wie Menschen an Gott glauben und was sie mit ihrem Glauben erleben. Selbstverständlich wurde die Bibel nicht von Gott geschrieben, sondern von konkreten (gläubigen) Menschen in konkreten Situationen.

Die Bibel widerspiegelt also den Kontext, halt einfach das Leben, in dem Menschen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort lebten.


2.2 Immer auf der Seite der Kleinen

Die Bibel entstand zum grössten Teil im geographischen Raum vom heutigen Palästina, ca. zwischen 800 v. Chr. und 130 n. Chr. Schon zu dieser Zeit war dieses Gebiet von den Grossmächten (Babylonien, Assyrien, Ägypten, Griechenland, Rom) hart umkämpft, und die Menschen, die dort lebten, wurden immer wieder zum Spielball der Grossmächte. Die Geschichten der Bibel erzählen deshalb mehrheitlich aus der Perspektive der Kleinen, Unbedeutenden, Verfolgten und Unterdrückten. Und sie tun dies aus der Überzeugung, dass Gott vor allem auf der Seite der Verlierer steht und ein Gott ist, der die Freiheit des Menschen will.


2.3 Altes Testament – Vom Lagerfeuer zum Dokument in 600 Jahren

Im Alten Testament findet sich die Glaubenstradition des Alten Israel. Einzelne Geschichten haben ein sehr hohes Alter und wurden wohl an den Lagerfeuern der halbnomadischen Stämme von Generation zu Generation weiter erzählt. Erst relativ spät, so circa ab dem 8. Jahrhundert v. Chr., werden die Geschichten aufgeschrieben.

586 v. Chr. – Geburtsstunde der Bibel im Exil?
586 v. Chr. erobert Babylon Israel, zerstört den grossen Tempel in Jerusalem und verschleppt die gebildete Oberschicht nach Babylon. Heute geht man davon aus, dass die verschleppten Juden im Exil von Babylon beginnen, die alten Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben, um die Hoffnung und ihren Glauben nicht zu verlieren.

Nach dem Exil bis ca. 50 v. Chr. kommen immer neue Texte hinzu, bereits vorhandene werden weiter geschrieben. Sozusagen wie ein Familientagebuch, das von Generation zu Generation weitergeführt wird, indem hinzugefügt, aber auch auf dem Hintergrund von neuen Erfahrungen alte Geschichten umgeschrieben werden.

Erst um 100 n. Chr. wurde entschieden, welche Schriften nun definitiv zur „hebräischen Bibel“ gehören und welche nicht. Und zwar, in dem man eine Art Hitparade der beliebtesten Bücher bei den jüdischen Gemeinden machte. Ab jetzt wurde die hebräische Bibel nicht mehr ergänzt, sondern in immer neuen Werken ausgelegt – bis heute!


2.4 Neues Testament – „Jesus lebt“ als Energiebombe

Das Neue Testament ist in kürzerer Zeit entstanden. Der erste Brief entstand etwa 20 Jahren nach der Hinrichtung Jesu, die Evangelien etwa zwischen 50 und 120 n. Chr. Wie beim AT war eine Extrem-Erfahrung Ursache davon, dass Schriften entstanden: Jesus, den viele als Lehrer, Propheten oder Messias verehrten, wurde von den verhassten Römern hingerichtet, alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft war am Boden zerstört. Doch bald bekannten seine engsten Freundinnen und Freunde, dass Jesus lebe!

Man kann von der Auferstehung halten, was man will: Tatsache ist, dass da in kürzester Zeit aus einem versprengten Haufen enttäuschter AnhängerInnen eine überzeugende und dynamische Glaubensgemeinschaft wuchs. Und schnell entstanden im ganzen Mittelmeerraum erste Christengemeinden, gefördert durch den unermüdlich herumreisenden Paulus. Diesen Gemeinden schrieb Paulus Briefe, um Fragen und Probleme zu erörtern, um zu ermahnen und zu ermutigen.

Nach und nach kamen weitere Schriften dazu: vor allem die vier Evangelien, die das Leben und die Person von Jesus ins Zentrum stellten. Auch hier kamen viele lange weitererzählte Geschichten in eine schriftliche Form, und die Autoren schrieben ihre Version von Jesu Leben für bestimmte Gemeinden oder Personenkreise.

Wie schon beim Alten Testament: Mit der Zeit gab es so viele verschiedene Schriften, dass es eine Entscheidung brauchte, welche Schriften als verbindlich gelten. Auch hier war eine Art „Hitparade in den Gemeinden“ entscheidend, und im 4. Jahrhundert n. Chr. wurde die definitive Auswahl festgelegt.


3. Überblick über die Bücher der Bibel

 

3.1 Das Alte Testament – Alle machen’s anders…

Wenn Sie verschiedene Bibelausgaben miteinander vergleichen, kann das ziemlich verwirrend sein. Je nach Ausgabe sind nämlich unterschiedliche Bücher mit dabei.

Die jüdische Tradition gliedert die Bibel nach inhaltlichen Kriterien in drei Bereiche:

  • Tora (Weisung): das sind die 5 Bücher Mose (die bei den Juden nach dem ersten Wort, bei den Katholiken nach Inhalten, und bei den Reformierten nach dem fiktiven Autor benannt werden).
  • Nebiim (Propheten): alle Bücher von Josua bis 2. Königsbuch und alle prophetischen Bücher.
  • Ketubim (Schriften): u.a. Buch der Psalmen, Spruchweisheiten, Hiob, Rut, Ester.

Die christliche Tradition hat die hebräische Bibel (das AT) anders gegliedert, nämlich so:

  • Geschichtsbücher
  • Poetische Bücher
  • Prophetische Bücher

Und nach der Reformation haben die Reformierten und die Katholiken nochmals Änderungen vorgenommen. Das AT in einer reformierten Bibelausgabe zählt 39 Bücher wie bei den Juden. Die Katholiken haben aber noch einige jüdische Schriften dazu genommen und haben deshalb 46 Bücher. Um die Verwirrnis noch perfekt zu machen, nennen die Reformierten diese 7 Bücher „Apokryphen“, was aber nichts mit den Apokryphen zu tun hat, die heute so für Aufruhr sorgen. Ziemlich verwirrend!

Auch hier hilft das Bild der Bibliothek: Die GGG in Basel hat bestimmt nicht denselben Bücherbestand wie die Gemeindebibliothek von Sissach. Und wo sie dieselben Bücher haben, sind sie bestimmt unter anderen Themen eingeordnet.


3.2 Das Neue Testament – Kleiner und übersichtlicher

Beim Neuen Testament ist nun alles wirklich viel einfacher, da in allen christlichen Bibelausgaben grundsätzlich dieselben Schriften enthalten sind. Das NT umfasst 27 Schriften in griechischer Sprache, die ca. zwischen 50 und 130 n. Chr. entstanden: 4 Evangelien, 21 Briefe, dazu Apostelgeschichte und Johannesapokalypse.

Dass alles aber gar nicht so kompliziert ist, wie es tönt, zeigt am besten eine Übersicht verschiedener Bibelausgaben:
http://religion.geschichte-schweiz.ch/bibel.html


3.3 Die Apokryphen

Die Apokryphen (wörtlich heisst das „verborgen“) sind Schriften, die es in der „NT-Hitparade“ nicht in die Top 27 geschafft haben. Weil viele davon lange verloren waren, eignen sie sich wunderbar für Verschwörungstheorien, Abenteuergeschichten und spektakuläre Filme (wie z.B. Dan Browns „Sakrileg“). Die Wirklichkeit ist aber viel banaler. Die Apokryphen sind nämlich schon seit vielen Jahren ganz normal im Buchhandel erhältlich und nicht halb so spektakulär wie oft behauptet.

Interessant an den Apokryphen ist, dass sie das Denken kleiner Sekten aus dem 2. bis 4. Jahrhundert widerspiegeln und so viel zum Verständnis einer längst vergangenen Zeit beitragen.

Bibel für Fortgeschrittene
Hier eine interessanter Seite, wo man z.T. auch die Originaltexte nachlesen kann:
www.uni-protokolle.de/Lexikon/Apokryphen.html


4. Ist die Bibel wahr?

„Ist die Bibel wahr?“ haben Sie sich vielleicht auch schon gefragt. Und möglicherweise haben Sie sich im Blick auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die Weltentstehung gesagt: Nein, sie kann nicht wahr sein!

4.1 „Historische“ Wahrheit und die „Glaubens-“Wahrheit

Wer nach der Wahrheit der Bibel fragt, meint häufig die Ebene historischer Wahrheit. Das heisst dann landläufig: Die Bibel „wörtlich“ nehmen. Die Bibel ist nach diesem Verständnis „wahr“, wenn die Schöpfung ein naturwissenschaftlicher Tatsachenbericht, wenn die Jungfrauengeburt ein medizinischer Befund, wenn die Vermehrung von Brot und Fischen ein verblüffendes Zauberstück wie bei Harry Potter ist. Wahr meint dann eine Wahrheit wie die der Sportresultate in der Montags-Zeitung.

Die Autoren der Bibel berichten aber nicht von den Lottozahlen, sondern sie erzählen Geschichten. Wie dieses Beispiel: ein Kind rennt vor ein Auto und kommt mit einer kleinen Schramme davon! Die Mutter schreibt in einem e-mail an eine Freundin: Meine Tochter hatte einen Schutzengel!

Ist das nun wahr oder nicht? Physikalisch gesehen kann man den Bremsweg des Autos berechnen und das Ereignis hat nichts Aussergewöhnliches an sich. In den Augen der Mutter jedoch, in ihrem ganz persönlichen Erleben geschah etwas Wunderbares: das Kind hätte auch tot sein können! Sie erfuhr, dass ihr Kind beschützt war!

So gesagt, beschreibt die Bibel eben keine Bremswege von Autos, sondern Landepisten von Engeln.


4.2 Wieso-wann-wer-wem – Wahrheit

In einem e-mail können wir zurückfragen: „Wie meinst du das genau? Das hab ich noch nicht verstanden!“ Bei alten Texten wie der Bibel sind keine schnellen, klärenden Nachfragen möglich. Die wenigsten der biblischen Bücher erklären die Situation und den Anlass, warum sie geschrieben sind. Sie erklären auch nicht, wann sie entstanden, wer sie geschrieben hat und vor allem für wen sie gemeint sind. Genau das muss in sorgfältiger Kleinarbeit rekonstruiert werden, wenn man das wieso-wann-wer-wem verstehen will.


4.3 Die tiefere Dimension von Wahrheit

Es gibt aber auch eine entscheidende biblische Wahrheit, für die man nicht Theologie studieren muss. Und zwar ganz einfach darum, weil die Bibel Geschichten erzählt. Und auf dieser Ebene „funktioniert“ Wahrheit ähnlich wie bei jeder guten Geschichte, die man versteht, ohne sie analysieren zu müssen. Bei „Harry Potter“ und „Star Wars“ genau so wie bei „Matrix“ und „Sakrileg“, und genau so wie bei Grimms Märchen. Weil es dabei immer um menschliche Erfahrungen geht, die jeder Mensch kennt, und mit denen jeder Mensch umgehen lernen muss.

Ist damit die Bibel weniger wert? Nein, sie ist mehr wert, weil es im Leben (und Glauben) um mehr geht als um das Wahrheits-Niveau von Sportresultaten und physikalischen Erscheinungen.

Ja, die Bibel ist wahr: „Schöpfung“ wird so zur Antwort auf die Frage: Worin besteht der tragende Grund unseres Lebens? Die Jungfrauengeburt wird zur Antwort auf die Frage: Wes Geistes Kind ist Jesus? Die Brotvermehrung wird zur Antwort auf die Frage: Was muss geschehen, damit alle genug zum Leben haben?


4.4 Die Wahrheit liegt im Dialog

Die Bibel hätte nie zu einem 2000-Jahre-langen Bestseller werden können, wäre sie nicht so offen geschrieben worden. Offen, das heisst aber auch: Die Texte müssen immer wieder neu interpretiert und gedeutet werden. Jede Auslegung muss sich im Dialog mit anderen Standpunkten bewähren, behaupten, begründen.

Im besten Sinne des Wortes: wir müssen ringen um das „jetzt richtige“ Verständnis. Ein Kriterium für die „Wahrheit“ in der Deutung ist für uns:

  • Wie viel ist vom befreienden und lebenschaffenden Geist zu spüren?
  • Trägt die Auslegung dazu bei, Kindern, Jugendlichen, Männern und Frauen in allen Teilen der Welt zu einem Leben in Gerechtigkeit und Würde zu verhelfen?

Aber schon das ist eine persönliche Entscheidung, die wir miteinander diskutieren müssten!


5. Bibel-Links

Sie wollen mehr über die Bibel wissen? Dann finden Sie im Internet jede Menge gut gestalteter Seiten. Hier eine kleine Auswahl.

Bibel Basics:

Die Bibel online
Sie wollen online in der Bibel lesen, nach einer bestimmten Stelle, einen bestimmten Text oder auch nur ein bestimmtes Wort suchen?

  • Einheitsübersetzung mit Volltextsuche: http://theol.uibk.ac.at/leseraum/bibel/
  • Lutherbibel (Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984 mit einer guten Suchfunktion): www.bibel-online.net
  • Special: Die „Volxbibel“ will die Bibel radikal in heutige Sprache und heutige Bilder übertragen – aufgebaut wie eine Mischung aus Open Source und Wikipedia, wo jedeR seine eigenen Inspirationen zur Bibelübersetzung beitragen kann: www.volxbibel.de

Hanspeter Lichtin, Thierry Moosbrugger