Kirche

 

1. Kirche – was ist das eigentlich?
1.1 Kirche ist, wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind (Coinonia)

1.2. Glauben vorleben und von Gott erzählen (Martyria)
1.3. Füreinander-Da-Sein (Diakonia)
1.4. Feiern von Glaube und Leben (Liturgia)

2. Wie ist die Kirche entstanden?
2.1 Zur Zeit Jesu

2.2 Nach Jesu Tod
2.3 Die Apostel
2.4 Die jüdische Urkirche

3. Eine Kirche bricht auf

4. Kirche hier und anderswo: Weltkirche
4.1 Vielfalt und Einheit

4.2 Die Schattenseite

5. Christliche Kirchen und Ökumene
5.1 Die Orthodoxe Kirche

5.2 Die reformierte Kirche


1. Kirche – was ist das eigentlich?

 

1.1 Kirche ist, wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind (Coinonia)

Kirche – das sind zuerst einmal die Menschen, die ihren Glauben gemeinsam erleben und Leben miteinander teilen. Auch Jesus ist nicht alleine umher gezogen, sondern hatte seine Jünger und Jüngerinnen bei sich, die er im Johannesevangelium als Freundinnen und Freunde bezeichnet.

Viele Religionen, auch alle christlichen Konfessionen, sind der Überzeugung, dass Gemeinschaft und Zusammensein zum Glauben dazugehört. Kirche beginnt also schon da, wo zwei oder drei in Jesu Namen zusammen sind, so hat es Jesus selbst gesagt (Mt 18,20). Paulus hat in einem Brief das Bild von dem einen Leib mit den vielen Gliedern verwendet, die Einheit in der Vielfalt ist das grosse Anliegen der katholischen Kirche.

In Lateinamerika hat die Wiederentdeckung eines gemeinsam erlebten Glaubens zu den sogenannte Basisgemeinden geführt, die dieses gemeinschaftliche Netz in kleinen Einheiten wie Quartieren aufgebaut haben, während sich bei uns in den Pfarreien die Mitglieder meist auf Gruppen aufteilen. Dies bestimmt die Realität unserer Pfarreien sehr, die Soziologie spricht in diesem Fall von Milieus, die jeweils in sich abgeschlossen grosse Ähnlichkeiten in Bezug auf Bedürfnisse und Interessen aufweisen, sich aber von anderen Milieus sich diesbezüglich aber total unterscheiden.

Wie können diese verschiedenen Bedürfnisse ernst genommen werden und sich unter einem Dach versammeln? Der PEP, also der Pastorale Entwicklungsplan des Bistums Basel, versucht diese pastoralen Anpassungen mit Hilfe einer Umstrukturierung des Pfarreilebens in grössere Seelsorgeregionen bei weiter bestehenden kleinen gemeinschaftlichen Einheiten. Wie die Pfarrei der Zukunft als kleinste Kircheneinheit wohl aussehen wird? Das bleibt eine spannende Frage…

Vielleicht denken Sie bei dem Begriff „Kirche“ aber zunächst an ein Gebäude. Kirchen wurden notwendig, als das Christentum zunächst erlaubt, schliesslich sogar Staatsreligion wurde und immer mehr Menschen zum Beten zusammenkamen. So wurden ab dem 4. Jahrhundert die Versammlungen nicht mehr in Privathäusern oder Katakomben abgehalten, sondern es wurden eigene Räume gebaut: Kleine Gebetsräume und die grossen Basiliken. Der Roman „Die Säulen der Erde“ schildert für das Mittelalter eindrücklich, welche Mühen und welch gesellschaftliche Fragen mit diesen Bauwerken verbunden waren. Der Kirchturm war lange Zeit das höchste Gebäude einer Stadt und drückte den Stolz der Einwohner aus. Die Kirche im Dorf stand für Ordnung, denn im Mittelalter übernahmen die Kirchen viele organisatorische Aufgaben, die heute etwa das Einwohneramt inne hat.

Im Baselbiet haben wir ganz verschiedene Baustile der Kirchen, von der 100 Jahre alte neugotischen Kirche in Binningen, über den barocken Arlesheimer Dom bis zu den modernen Kirchen wie St. Peter und Paul in Allschwil. Immer ist dieser Raum mit seiner beeindruckenden Stille eine Oase gegen das Lärmen „draussen“, wobei eine Kirche erst lebendig ist, wenn in ihr gesungen, gebetet und das Leben gefeiert wird.

Alles in Allem ist Kirche ein Raum, in dem sowohl das ganz normale Leben und alltäglicher Glaube zur Sprache kommt, als auch ein Raum für das ‚Andere’ – nämlich all das, was in einer Welt voller Hektik, Erfolg, Ansprüche und Einkaufen schnell in Vergessenheit geraten kann.

Kirche ist das pilgernde Volk Gottes, so sagt es die Kirchenkonstitution Lumen Gentium des wichtigen 2.Vatikanischen Konzils. Als solche hat die Kirche, also jede und jeder Getaufte, Aufgaben in dieser Welt, an denen sich messen lässt, ob Kirche wirklich Kirche ist: Von Gott erzählen, Füreinander-Da-Sein, Glaube und Leben feiern. Diese drei Aufgaben der Kirche sind nicht frei erfunden, sondern werden in der Bibel von den ersten Christen genannt. (Apostelgeschichte 2,43-47).


1.2 Glauben vorleben und von Gott erzählen (Martyria)

Kennen Sie den Spruch: „Wovon das Herz voll ist, davon läuft der Mund über“ ? Dieses Sprichwort findet sich in der Bibel (Mt 12,34) und meint nichts anderes, als dass wir von dem erzählen, was uns wichtig ist. Auch der Glaube lebt davon, dass er von den Menschen weitererzählt und vorgelebt wird. Kirche ist einerseits ein solcher Raum, in dem die Geschichte Gottes mit den Menschen immer neu erzählt wird, andererseits trägt sie diese Geschichten auch in die Gesellschaft, indem Sie etwa Religionsunterricht an Schulen abhält.

Aber auch das alltägliche Auftreten einer jeden Christin/eines jeden Christen ’spricht Bände‘. Jesus hat Menschen immer wieder Geschichten von Gott erzählt und ihnen vorgelebt, was es heisst, sich von Gott geliebt zu fühlen.


1.3 Füreinander-Da-Sein (Diakonia)

Die zweite Aufgabe der Kirche besteht in einem sozialen Auftrag. Jesus hat sich immer wieder um Menschen gekümmert, die Not litten, ob sie nun Hunger hatten oder von der Gesellschaft vergessen oder an den Rand gedrängt wurden. So versammelte er Menschen an einem Tisch, über die andere nur die Nase rümpften: Betrüger, Kranke, einfache Fischer und Frauen, die ihm nachfolgen wollten.

Uns als Kirche ist es aufgetragen füreinander zu sorgen. So gibt es in einigen Pfarreien Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen, während in Therwil dieser Auftrag im Projekt „Wegbegleitung“ umgesetzt wird. Davon unabhängig spielen in jeder Pfarrei die kleinen und grossen Nöte von Jugendlichen, Familien, Eltern, Senioren eine Rolle und bestimmen das Handeln.


1.4 Feiern von Glaube und Leben (Liturgia)

Was im Leben wichtig ist, das wird gefeiert: Ein Sieg des FCB, der eigene Geburtstag, der 1. August. Eigentlich bestimmen die Ereignisse des christlichen Glaubens noch sehr den Jahresrhythmus, ohne dass manche wissen, was da eigentlich gefeiert wird. So etwa Ostern, an dem wir feiern, dass die Liebe und das Leben stärker sind als der Tod und das Böse, was sich in der Hoffnung auf Auferstehung äussert. Dieses Feiern hat eine eigene Form, einen besonderen Rahmen und oft einen besonderen Ort, meist eine Kirche.

Als Glaubensgemeinschaft ist der Gottesdienst zentral, denn dort versammeln sich alle um einen Tisch, wie es Jesus schon damals immer gemacht hat. Ausserdem werden besondere Ereignisse wie Geburt (in der Taufe), Erwachsenwerden (in der Firmung), Hochzeiten gefeiert. Aber wir ‚feiern’ auch Beerdigungen, indem wir in einem feierlichen Rahmen von jemanden Abschied nehmen.


2. Wie ist die Kirche entstanden?

2.1 Zur Zeit Jesu

Schon den ersten Menschen, die mit Jesus umhergezogen sind, hat Jesus aufgetragen, sich an ihn zu erinnern und von ihm zu erzählen.

Manche Namen sind recht bekannt: Petrus und spätestens seit dem ‚Da Vinci Code’ auch Maria Magdalena. Maria Magdalena ist tatsächlich eine sehr zentrale Figur, immerhin berichten alle vier Evangelien von ihr als einer der Frauen, die mit Jesus umherzogen, die bei Jesus unter dem Kreuz blieben, während die Jünger geflohen waren, und sie erfährt als Erste, dass Jesus auferweckt wurde.


2.2 Nach Jesu Tod

Diese engen Freundinnen und Freunde von Jesus kommen nach seinem Tod wieder zusammen. Sie glauben daran, dass er von Gott auferweckt wurde und sein Leben und Sterben deshalb nicht umsonst war.

Doch sie haben zu viel Angst, um Anderen davon zu erzählen. Erst an Pfingsten wachsen sie über sich hinaus, denn sie spüren eine neue Kraft in sich: Wie Jesus versprochen hatte, kam nun der „Tröster“, der Heilige Geist über sie. Nun bekennen sie sich öffentlich zu Jesus und werden zu einer Untergruppe des Judentums.

Die Jünger und Jüngerinnen waren ab Pfingsten offenbar sehr überzeugend, denn es kommen immer mehr Menschen zum Glauben an Jesus Christus. Sie treffen sich zuerst in einzelnen Häusern in verschiedenen Ortschaften, feiern miteinander ihren Glauben und brechen das Brot wie sie es mit Jesus auch immer getan haben.

Für Menschen, die Christen werden, wird ein Aufnahmeritus eingeführt, die Taufe.


2.3 Die Apostel

Paulus ist uns aus dieser Zeit recht gut bekannt, da einige seiner Briefe erhalten sind (in der Bibel steht z.B. der Brief an die Gemeinde von Rom, an die Gemeinde von Korinth oder an die Galater-Gemeinde). Obwohl Paulus nie mit Jesus unterwegs war, nennt er sich selbst „Apostel“.

Es gab auch Frauen, die Apostelinnen waren, zum Beispiel die Apostelin Junia (Paulus schreibt von ihr im Römerbrief 16,7 – aus Junia wurde jedoch im Laufe der Übersetzungen ein Junias. Auch Thekla war eine Apostelin. Ihre Geschichte steht nicht in der Bibel, sondern in einer sogenannten apokryphen Schrift (was Apokryphen sind, siehe Abschnitt Bibel; mehr zu Thekla: http://www.heiligenlexikon.de/BiographienT/Thekla_von_Ikonium.html)


2.4 Die jüdische Urkirche

Die erste Generation der Urkirche bestand aus Jüdinnen und Juden. Aber schon bald wurden auch Menschen in Griechenland und Rom Christen, die keine Juden mehr waren. Die judenchristliche Gemeinschaft von Jerusalem wird nach der Zerstörung des Tempels vertrieben. (Ein Romantipp dazu: Ljudmila Ulitzkaja, Daniel Stein, 2009).

Das Erkennungszeichen der ersten Christen war ein Fisch. Das hatte zwei Gründe: Einerseits war das unauffällig, und das war wichtig, da in den ersten Jahrhunderten ChristInnen immer wieder verfolgt wurden. Anderseits war der Fisch auch ein Glaubensbekenntnis. Auf Griechisch, damals die Weltsprache wie heute Englisch, heisst Fisch: Ichthys. Jeder Buchstabe steht für eine bestimmte Bedeutung:


3. Eine Kirche bricht auf

Das letzte grosse zentrale Ereignis für die katholische Kirche ist das zweite Vatikanische Konzil, das von 1965 bis 1968 in Rom statt fand. Der damalige Papst Johannes XXIII wollte die Fenster der Kirche weit aufreissen und frischen Wind hereinwehen lassen. Darum war das Motto für das Konzil „Die Zeichen der Zeit erkennen.“

Am Konzil nahmen Bischöfe aus aller Welt teil und die katholische Kirche machte sich für einen Aufbruch parat. Zum Beispiel verabschiedete sich die Kirche offiziell von judenfeindlichen Gebeten aus früheren Zeiten und es wurde beschlossen, dass der Gottesdienst nicht mehr in Latein, sondern in der jeweiligen Landessprache gehalten werden muss.

Das Konzil war ein grosser Schritt für die katholische Kirche und letztlich sind die Konsequenzen bis heute noch nicht fertig gedacht.


4. Kirche hier und anderswo: Weltkirche

 

4.1 Vielfalt und Einheit

Die katholische Kirche ist eine weltweite Kirche. Auch in Indien können Sie als Katholik oder Katholikin einen Gottesdienst besuchen und ohne die Sprache zu verstehen ungefähr wissen, was gerade passiert. So ist es auch in Brasilien oder auf den Philippinen. Gleichzeitig bringt jedes Land und jede Kultur ihre Eigenheiten in die Kirche ein. Den Feuersegen kennt man nur in Indien, das Hereintragen der Bibel unter Klatschen ist in Lateinamerika sehr bekannt. So entsteht bei aller Einheit auch eine grosse Vielfalt.


4.2 Die Schattenseite

Allerdings muss auch die Schattenseite dieser Weltkirche benannt werden. Es ist wie beim Feuer, das wärmen, leuchten, aber auch verbrennen kann.

Die grosse Versuchung einer „Welt“-Kirche liegt darin, sich entweder mit politischen Machtinteressen zu verbünden und damit in grosse Ungerechtigkeiten verstrickt zu werden. So ist es zum Beispiel im 15. Jahrhundert in Südamerika passiert, als die Eroberung der neuen Welt als Missionierung getarnt wurde und die indigene Bevölkerung darunter leiden musste.

Auch die Hexenverfolgung oder die mangelnde Solidarität während der Shoah sind komplizierte und traurige Beispiele.

Der andere Fallstrick ist die Balance zu finden zwischen der Tradition, auf die wir einerseits bauen dürfen und müssen, und andererseits deren ständig notwendigen Erneuerung, da sonst alle Feuer erlöschen würden. Tradition heisst nämlich: Das Feuer hüten, nicht die Asche aufbewahren. (Papst Johannes XXIII)


5. Christliche Kirchen und Ökumene

 

Seit es „Kirche“ gibt wurde immer wieder um die Einheit und um die Inhalte des Glaubens gerungen und gestritten.

5.1 Die Orthodoxe Kirche

1054 kam es zur grössten Trennung in der Kirchengeschichte. Die Orthodoxe Kirche trennte sich von der lateinischen Kirche. In Russland oder in Rumänien sind fast alle Christen orthodox.

Typisch für orthodoxe Kirchen sind die Ikonen.


5.2 Die reformierte Kirche

In der Schweiz ist die wichtigste Schwesterkirche die Reformierte Kirche, einer ihrer Begründer ist Huldrych Zwingli. Während fast 500 Jahren haben sich Reformierte und Katholiken immer wieder bekämpft. Erst seit etwa 1970 besinnt man sich wieder mehr auf die vielen Gemeinsamkeiten.

Unterschiede liegen im Detail. Einer der grundlegendsten Unterschied besteht darin, dass die Reformierten sich nur auf das ‚Wort Gottes‘ berufen wollen (das heisst die Bibel), während in der katholischen Kirche andere schriftliche und rituelle Traditionen, die in den letzten 2000 Jahren gewachsen sind, ebenfalls eine Rolle spielen. Theologisch wird um die Bedeutung der Kommunion („Eucharistie“) und das Amt, als auch um die damit verbundene hierarchische Verfassung der katholischen Kirche gestritten.

Im kirchlichen Alltag im Baselbiet gibt es eine rege und bereichernde ökumenische Zusammenarbeit, die sich von Kleinkindergottesdiensten, über Religionsunterricht und Erwachsenenbildung erstreckt.


Dr. Kerstin Rödiger